Women in Energy ist seit 2026 nun endlich auch in Österreich vertreten. Aus diesem Anlass wurde die Vorsitzende – Carina Lehmal – interviewt.

Die gebürtige Grazerin absolvierte die HTL für Elektrotechnik und studierte anschließend Elektrotechnik an der Technischen Universität Graz. Parallel zu ihrer Dissertation sammelte sie bei einem Hersteller von Strom- und Spannungswandlern wertvolle Erfahrung in der Entwicklung, Produktion und Prüfung nichtkonventioneller Messwandler. Seit 2025 ist sie im Technical Business Development bei TELE Haase Steuergeräte Ges.m.b.H. tätig und arbeitet an der Schnittstelle zwischen Technologie, Forschung und Markt. Zwischen Konferenzen, wissenschaftlichen Papers und der Entwicklung der technischen Ausrichtung von TELE Haase ist sie außerdem leidenschaftliche Tänzerin. Sie findet im Ballett und mittlerweile auch im Jazz und Hip-Hop einen guten Ausgleich zum Berufsalltag.
Im Interview spricht sie über ihren Werdegang bei CIGRE, Women in Energy und darüber, warum fachliche Vernetzung heute wichtiger denn je ist.
CIGRE: Wie bist du auf CIGRE aufmerksam geworden?
Carina Lehmal: Über die Fachpublikationen. Bereits im Studium und später während meiner Masterarbeit war ich auf verlässliche technische Quellen angewiesen. CIGRE bietet hochwertige Veröffentlichungen, die nicht nur wissenschaftliche Forschungsergebnisse enthalten, sondern auch die praktischen Erfahrungen der Unternehmen widerspiegeln. Besonders die Green Books haben mich damals begleitet und sind bis heute eine wertvolle Wissensquelle.
CIGRE: Wie lange bist du schon bei CIGRE und wie war dein Werdegang bei CIGRE bis jetzt?
Carina Lehmal: Mitglied bin ich seit meiner Masterarbeit im Jahr 2021. Anfangs war ich beim Next Generation Network (NGN) dabei. Ein besonderer Meilenstein war die Paris Session 2024. Dort habe ich viele engagierte Menschen kennengelernt – darunter auch Marcel Stöckli (damaliger NC Schweiz Vorsitzender), der mich auf Women in Energy angesprochen hat. Er meinte, dass ich eine Technikerin bin, die sich auch traut, Diskussionen zu führen, und gefragt, ob wir die Initiative nicht auch in Österreich etablieren möchten. Gemeinsam mit CIGRE Österreich haben wir diese Idee weiterentwickelt und schließlich umgesetzt.
CIGRE: Auf welchen CIGRE-Konferenzen warst du schon und was konntest du dadurch mitnehmen?
Carina Lehmal: Auf mehreren NC-AT-Konferenzen und bei der Paris Session 2024, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Auf der Paris Session 2024 habe ich eine lustige Erfahrung gemacht. Dort habe ich mein Forschungspapier präsentiert und bei einer Working-Group-Sitzung mit den Amerikanern intensiv zu diskutieren begonnen. Aus einer Frage wurde plötzlich ein Ping-Pong-Spiel aus Fragen und Antworten. Am Ende sind wir gemeinsam Mittagessen gegangen und haben uns weiter über unsere Forschung ausgetauscht.
Für mich zeigt diese Erfahrung, was CIGRE ausmacht: Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Unternehmen und Universitäten kommen zusammen, diskutieren auf Augenhöhe und lernen voneinander. Dabei spielt weder das Alter noch die Herkunft eine Rolle – entscheidend ist das gemeinsame Interesse an der Technik.
Außerdem habe ich gelernt, dass man den Mut haben sollte, sich aktiv in Diskussionen einzubringen. Gerade junge Ingenieurinnen und Ingenieure unterschätzen oft, wie wertvoll ihre Perspektive sein kann. Genau hier sehe ich auch eine wichtige Aufgabe von Women in Energy.
CIGRE: Wie würdest du Women in Energy in einem Satz beschreiben?
Carina Lehmal: Women in Energy ist ein aktives Netzwerk, das Frauen aus Industrie, Forschung und Hochschulen verbindet, um gemeinsam die Energietechnik von morgen mitzugestalten. Derzeit ist das noch ein bisschen ein Blick in die Zukunft, doch ich wünsche mir, dass dies bald Realität ist.
CIGRE: Was sind die Ziele von Women in Energy und welches Ziel kannst du ergänzen?
Carina Lehmal: Ein zentrales Ziel ist es, ein Netzwerk aufzubauen, in dem Frauen voneinander lernen und sich gegenseitig unterstützen. Daraus können Mentoring-Beziehungen entstehen, aber vor allem ein intensiver fachlicher Austausch. Mir ist dabei wichtig, dass der Schwerpunkt auf der Technik liegt. Women in Energy soll eine Plattform sein, auf der energietechnische Fragestellungen diskutiert, Erfahrungen geteilt und Wissen zwischen Forschung, Industrie und Studierenden weitergegeben wird. Gerade in einer Zeit, in der die Branche immer komplexer wird, ist es wichtig, voneinander zu lernen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Diversität ist wichtig – aber sie sollte durch fachliche Kompetenz und gemeinsame Interessen getragen werden.
CIGRE: Was sind deine Hauptaufgaben als Vorsitzende von Women in Energy?
Carina Lehmal: Ich möchte eine verlässliche Ansprechperson sein und gleichzeitig sicherstellen, dass Women in Energy technisch relevant bleibt. Unser Ziel ist es, Diskussionen, Workshops und Veranstaltungen zu organisieren, bei denen aktuelle Herausforderungen der Energietechnik im Mittelpunkt stehen und ein echter Wissensaustausch entsteht.
CIGRE: Gibt es schon erste Pläne für Veranstaltungen von Women in Energy?
Carina Lehmal: Ja. Gemeinsam mit dem Next Generation Network planen wir technische Diskussionsveranstaltungen zu Themen wie Elektromobilität, Netzstabilität oder den Energiesystemen der Zukunft. Dabei möchten wir Expertinnen und Experten aus Forschung und Industrie zusammenbringen und aktuelle Entwicklungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. Informationen zu den ersten Veranstaltungen werden rechtzeitig auf unserer Website und über LinkedIn veröffentlicht.
CIGRE: Welchen Rat gibst du Frauen, die überlegen, in die Energiebranche einzusteigen?
Carina Lehmal: Einfach tun und anfangen. Man sollte sich nicht davon verunsichern lassen, wenn einem anfangs weniger zugetraut wird oder Diskussionen einmal etwas direkter geführt werden. Solche Erfahrungen gehören leider manchmal dazu. Mit der Zeit lernt man, souverän mit ihnen umzugehen, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern sie als Chance zu sehen, die eigene Kompetenz unter Beweis zu stellen.
Wenn man sich für Elektrotechnik begeistert, sollte man seinen Weg konsequent gehen und sich nicht von den Erwartungen anderer beeinflussen lassen. Die Energiebranche bietet spannende Herausforderungen und vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten – und sie braucht engagierte Menschen mit neuen Ideen. In der Community ist für jeden Platz.
CIGRE: Was ist die größte Herausforderung bei Women in Energy?
Carina Lehmal: In der Anfangsphase geht es vor allem darum, sichtbar zu werden und ein aktives Netzwerk aufzubauen. Dafür brauchen wir Menschen, die unsere Vision teilen und Lust haben, sich einzubringen. Je mehr unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen, desto stärker wird die Community.
CIGRE: Gibt es noch eine Botschaft, die dir wichtig ist?
Carina Lehmal: Persönlich wünsche ich mir, dass Menschen neugierig bleiben, fachlich als auch persönlich.

